Freegaia – Die Stadt beginnt zu leuchten · Episode 1 · Folge 3 von 23
Am Sonntagnachmittag klingelt Carla bei Emma. Hinter der Tür dauert es, und dann hört man langsame Schritte.

„Dass Du Oma Emma besuchst!” Emma, gestützt auf Krücken, strahlt Carla an. „Komm rein. Ich habe gebacken.”
Auf dem Küchentisch steht eine Torte, und neben der Torte liegt ein iPad.
„Das ist neu”, sagt Carla.
„Von Sarah und Claude. Zum Fünfundsiebzigsten.” Emma tippt darauf, und es wird hell. „Und Claude hat mir gleich einen Claude eingerichtet.”

„Einen was?”
„Na den Claude, der die Rezepte weiß. Ich frage ihn, was ich mit den Erdbeeren von nebenan machen soll, und er sagt es mir. In Koch- oder Backbücher schaue ich gar nicht mehr.”
„Ich dachte, Du hättest nicht mal E-Mail.”
„Na, na, na, meine liebe Carla. Ich lebe nicht hinter dem Mond.” Emma schneidet die Torte an. „Ich bin erst fünfundsiebzig und noch keine fünfundneunzig. Schokoladen-Cremetorte. Kaffee kommt gleich.”

„Willst Du mich mästen?” Carla nimmt die Gabel. „Das muss ich alles wieder wegtrainieren.”
Dann wird Emma still.
„Seit mein Mann nicht mehr da ist, ist es leise hier. Sarah kommt, wenn sie kann. Du kommst.” Sie schiebt Carla den Teller hin. „Früher war ich immer unter Menschen. Jetzt ist die Stadt eine Tagesreise, mit dem Bus, und im Bus sitzt man auch allein.”
„Und das 60+ in der Kirchengemeinde?”
„Lauter alte Leute. Und weißt Du, worüber die reden? Über ihre Krankheiten. Meine reichen mir.”

Carla lacht und legt ihr Handy neben das iPad. „Dann habe ich vielleicht etwas für Dich. Guck mal, das nennt sich Gradido!”
Auf dem Handy liegt die Stadt, und auf der Stadt leuchten Sterne.
„Schau hier, das sind Menschen”, sagt Carla. „Rot heißt: die lieben, was ich liebe. Grün: die bieten, was ich suche. Blau: die suchen, was ich biete. Und je heller einer leuchtet, desto besser passt er zu mir.” Sie tippt auf den hellsten grünen Stern. „Den habe ich gestern Abend gefunden. Ich habe Sport eingetippt.”

Dave. Bietet Sport-Therapie, im eigenen Studio zuhause.
„Ein Fitnessstudio kostet jeden Monat”, sagt Carla. „Bei Dave geht es für Gradido. Dienstag um sechs bin ich da.”
„Das ist was für junge Leute.”
„Steht bei ihm: Er hatte Leute, die kaum noch laufen konnten. Die laufen wieder.”
Emma schaut auf den grünen Stern. „Ich war früher so viel wandern.”
Carla hat den Plan schon. „Du fragst ihn selbst. Dafür brauchst Du ein Konto.”
„Dann machen wir jetzt so ein”, Emma sucht das Wort, „Grandioso-Konto.”
„Gradido.”
„Grandioso passt auch.”

Carla nimmt ihr Handy, tippt auf Zeig es Deinen Freunden, und Emma hält das iPad über den QR-Code, wie über ein Foto. Carla-Sonne zeigt Dir Gradido, steht da. Konto anlegen. Vorname, Nachname, und die E-Mail-Adresse sagt Emma auswendig auf. Das Passwort tippt Emma selbst, mit einem Finger, und Carla schaut so lange auf die Torte. Ein Häkchen bei der Datenschutzerklärung. Die Mail kommt, während Emma den Kaffee eingießt: Bestätige Deine E-Mail-Adresse. Ein Tipp, und das Konto gehört ihr.
Dann fragt das Konto nach dem Benutzernamen, und es hat schon einen: Emma und ein Buchstabe dahinter.
„Nein”, sagt Emma. „Oma-Emma. So nennen mich alle.”
Carla tippt Anderen wählen, Emma tippt den Namen, mit Bindestrich. Darunter erscheint: ist noch frei.
„Und jetzt findet mich jeder?”
„Jeder, der Dir danken will.”
Speichern. Das Fenster geht zu, und das nächste geht auf: Willkommen, Emma! Und darunter die Frage nach den vergangenen Wochen.
Emma liest. „Kuchen fürs Gemeindefest, das schon. Und für die Nachbarskinder koche ich, wenn die Eltern spät dran sind. Aber sonst?” Sie schiebt das iPad ein Stück von sich weg. „So viel ist das doch gar nicht mehr.”
„Das ist eine Menge.” Carla scrollt bis Gemeinschaft & Ehrenamt. Die Sätze dort fangen an und hören mittendrin auf, und man schreibt sie zu Ende. Emma diktiert, Carla tippt:

Ich habe in meiner Gemeinde oder Kirchengemeinde mitgeholfen, indem ich Kuchen fürs Gemeindefest gebacken habe.
Ich habe in der Nachbarschaft mitgeholfen, wo Hilfe gebraucht wurde, indem ich für die Nachbarskinder gekocht habe, wenn die Eltern spät dran waren.
Dann scrollt Carla wieder nach oben. Über allen Sätzen steht ein Kästchen, und daneben: Ich bin Rentnerin / Rentner. Und kleiner: Dein Lebenswerk zählt.
„Was heißt das?”
„Dass Du nichts mehr beweisen musst. Fünfundsiebzig Jahre. Die Kinder, die Arbeit, Dein Mann, die Nachbarn. Das steckt in dem einen Häkchen.”
Emma setzt es selbst.
„Und jetzt?”
„Speichern. Und dann zuschauen.”
Emma tippt. Das Fenster wird leer bis auf einen Satz: Die Gemeinschaft liest, was Du geschrieben hast. Darunter, kleiner: Das dauert einen Moment — etwa eine halbe Minute. Du kannst das Fenster offen lassen.

Emma steht auf, mit der Hand an der Tischkante, und geht die vier Schritte zum Fenster. Sie schaut über die Gärten den Hang hinauf bis zum Waldrand und sagt nichts. Carla isst Torte.
„Emma. Es ist da.”
Emma setzt sich und liest.
Liebe Emma, willkommen!
Die Gemeinschaft dankt Dir — für den Kuchen zum Gemeindefest, für das Kochen für die Nachbarskinder. Und für Dein Lebenswerk: all die Jahre, in denen Du für andere da warst.
Deine ersten 100 Gradido sind Dank für das, was Du längst getan hast.
Schön, dass Du da bist.
Und unten, hinter Auf Deinem Konto, die Zahl.
Sie liest es noch einmal. Dann nimmt sie die Brille ab und wischt sich über die Augen.
„Entschuldige”, sagt sie. „Aber das hat mir schon lange niemand mehr gesagt.”
So geht’s in der Software


Was Emma auf dem iPad durchläuft, durchläuft jedes neue Konto: der Code, der Name, die Frage. Hier der Weg Schritt für Schritt, mit allem, was in Folge 1 noch keinen Platz hatte.
- Das Konto am Tisch des anderen. Tippe in Deinem Konto auf „Zeig es Deinen Freunden” und dann auf „Jemandem hier bei mir”. Das geht, sobald Deine eigene E-Mail-Adresse bestätigt ist, wie bei Carla seit Samstagabend. Dein Gast hält die Kamera über den Code, Handy oder iPad, liest „[Dein Name] zeigt Dir Gradido” und tippt auf „Konto anlegen”: Vorname, Nachname, E-Mail, Passwort, das Häkchen zur Datenschutzerklärung. Das Konto ist sofort offen. Die Bestätigungs-Mail ist gleich unterwegs, und bis morgen um diese Zeit genügt ein Tipp auf den Link darin. Hat Dein Gast gar kein Gerät? Unter dem Code steht „Kein Handy dabei?”: Dann legt er sein Konto auf Deinem Gerät an. Du wirst dafür abgemeldet und meldest Dich danach wieder an.
- Der Name, unter dem man Dich findet. Beim ersten Öffnen schlägt das Konto einen Nutzernamen vor, Vorname und ein Buchstabe. „Passt so” behält ihn, „Anderen wählen” öffnet das Feld: drei bis zwanzig Zeichen, Buchstaben ohne Umlaute, Ziffern, Binde- oder Unterstrich. „Oma-Emma” geht, „Oma Emma” mit Leerzeichen nicht. Unter dem Feld steht gleich „ist noch frei” oder „Dieser Name ist schon vergeben”. Später sind vier Änderungen im Jahr möglich.
- Die Frage, Satz für Satz. „Willkommen, Emma!”, und darunter die Frage aus Folge 1. Die Sätze stehen in sechs Gruppen, von „Familie & Fürsorge” bis „Tiere, Natur & Umwelt”, und jeder hört mittendrin auf: „Ich habe in der Nachbarschaft mitgeholfen, wo Hilfe gebraucht wurde, indem ich …”. Du schreibst ihn zu Ende, in Deinen eigenen Worten, und wenige genügen. Über allen Sätzen steht das Kästchen „Ich bin Rentnerin / Rentner.” mit dem Satz „Dein Lebenswerk zählt.” Dann „Speichern”, und das Fenster zeigt: „Die Gemeinschaft liest, was Du geschrieben hast.” Etwa eine halbe Minute, das Fenster darf offen bleiben. Dann steht da der Dank, und hinter „Auf Deinem Konto” die Zahl.


Dir fällt gerade nichts ein? Ganz unten steht ein Knopf, der genau so heißt, und die Frage kommt beim nächsten Öffnen wieder.
Dein Konto ist älter als diese Frage, und Du hast schon selbst Gradido geschöpft? Dann erscheint die Frage nicht mehr.
Für Kinder gibt es neben dem Kästchen für Rentnerinnen und Rentner ein zweites: „Ich bin ein Kind.” und „Auch Deine Zeit zählt.” Davon erzählt Folge 14.
Nächste Folge am Donnerstag, 5. November: „Freegaia 4 – Grandioso”. Emma lacht mitten in den Tränen, und dann sagt sie es der Karte: Ich liebe Kochen und Backen.
Alle Folgen auf einer Seite: Freegaia
Herzliche Grüße
Deine

Margret Baier und Bernd Hückstädt
Gradido-Gründer und Entwickler
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