Freegaia – Die Stadt beginnt zu leuchten · Episode 1 · Folge 2 von 23
Bobs Laptop hat über der Kamera einen Streifen Klebeband. Er klebt dort, seit er den Laptop hat.
Es ist halb eins. Alice ist ins Bett gegangen, Bob sitzt am Küchentisch und tippt die Adresse ein, die auf ihrem Handy stand. Die Anmeldeseite. Über den Eingabefeldern wechselt alle paar Sekunden eine Zeile: Helfen. Schenken. Danken. Dann: Gemeinschaftsbasiert. Dezentral. Open Source. Er wartet, bis sie wiederkommt, und klickt darauf. Nichts passiert. Die Worte sind Worte.

„Wenn das Open Source ist, müsste man es bei GitHub finden”, murmelt er vor sich hin. Er geht auf die Seite und tippt „Gradido” in die Suche. Und tatsächlich: dort liegt der ganze Quellcode! Jede Zeile. Das Programm, das die Frage stellt, das Programm, das die hundert gutschreibt, das Programm, das die Mail verschickt.
Er liest bis halb drei. Er sucht das, was er immer sucht: die Stelle, an der etwas nach Hause telefoniert. Er findet sie nicht. Er findet Menschen, die sich in ihren Kommentaren streiten, ob ein Feld Betrag oder Dank heißen soll.
Am Morgen steht er in der Küche, und Alice fragt nicht.

„Ich weiß noch nicht, ob es gut ist”, sagt er. „Aber es ist nicht heimlich. Alles liegt offen auf GitHub.”
„Samstag kommt Carla.”
„Ich weiß.”
Carla kommt am Samstag um drei, mit einem Kuchen vom Bäcker, und sie hat ihre Jacke noch nicht ausgezogen, als sie schon weiß, wie der Nachmittag laufen wird. So ist Carla. Sie hat den Plan, bevor der Satz zu Ende ist. Gustav zeigt ihr sein Lego, Helena zeigt ihr eine Zeichnung, und Carla sagt zu beidem etwas Nettes, und dann sitzt sie am Tisch und sagt: „Also, zeig her!”
Alice zeigt. Nicht die Frage, nicht die hundert. Sie zeigt die Karte.
Auf dem Handy liegt die Stadt, und auf der Stadt liegen kleine Kringel. Achtundzwanzig Menschen gefunden, steht darunter. Und in ihrer Straße sitzt ein kleines goldenes Haus.
„Das sehe nur ich so”, sagt Alice. „Die anderen sehen mich irgendwo im Umkreis, nie auf der Haustür. Man kann es genau angeben oder ungefähr. Ich habe ungefähr genommen.”
„Warum nicht genau?”, fragt Carla.
„Weil Bob daneben saß.”
Bob sagt nichts. Er schaut auf die achtundzwanzig Kringel. „Die sind noch am Anfang”, sagt er dann.
„Wir auch”, sagt Carla. Sie hat ihr Handy schon in der Hand. „Wie geht das? Mit meinem Handy kann ich keine E-Mails empfangen. Nur zuhause am Laptop.”
„Da habe ich was gefunden.” Bob nimmt Alices Handy und geht auf die Übersicht. „Hier steht ‚Zeig es Deinen Freunden‘.” Er tippt darauf, und ein QR-Code erscheint. „Scan mal den QR-Code. Damit kannst Du Dich schon mal registrieren. Deine E-Mail bestätigst Du heute Abend zuhause.”
„Das funktioniert? Ist ja genial!” Carla ist begeistert. „Wie heißt das?”
„Gradido”, lacht Alice.
Auf Carlas Handy steht: Alice zeigt Dir Gradido. Während Helena ihr erklärt, was auf ihrer Zeichnung ein Pferd ist und was ein Hund, tippt Carla Name, E-Mail und Passwort ein.

Beim ersten Öffnen erinnert das Konto sie an die Bestätigungs-Mail, und Carla tippt auf Später. Dann fragt es nach einem Benutzernamen, mit dem man sie finden kann.
„Carla”, tippt Carla.
„Carla ist schon weg”, sagt Bob, der über ihre Schulter schaut.
„Carla-Sonne.”
Der Name ist frei. Und dann steht da die Frage, die Alice um Mitternacht gelesen hat.
Carla muss nicht lange überlegen. Sie hat im Frühjahr für Frau Meier aus dem dritten Stock den Einkauf übernommen, sechs Wochen lang, bis das Bein wieder trug. Sie hat beim Straßenfest die Kasse gemacht. Sie hat der Nachbarin das Handy eingerichtet, zweimal. Drei Sätze, drei goldene Häkchen, und darunter eine Zahl mit drei Buchstaben.
„Hundert”, sagt Carla. „Für Frau Meier.”
„Für Frau Meier hast Du nichts gewollt”, sagt Alice.
„Ich habe auch nichts gekriegt.” Carla schaut auf die Zahl. „Bis jetzt.”
Dann will sie etwas, und Alice muss ihr nicht zeigen, wo: Unter der Zahl steht Jetzt jemandem danken, und als Empfängerin steht schon Alice da. Betrag: zwanzig. Und in das Feld, das Nachricht heißt, schreibt sie:
Fürs Zeigen.
Auf Alices Handy leuchtet es auf. Zwanzig Gradido, von Carla-Sonne, mit zwei Wörtern.
„Jetzt hast Du achtzig”, sagt Bob zu Carla, „und sie hat hundertzwanzig. Und niemand hat irgendwas bezahlt.”
„Das ist der Haken?”, fragt Carla.
„Das ist das, was ich noch nicht verstehe.”
Er nimmt Alices Handy. Über der Karte steht ein Suchfeld, und man kann etwas hineinschreiben. Bob schreibt Computer. Carla lacht, weil dies das Letzte wäre, was sie suchen würde. Und Alice lacht herzhaft mit. Auf der Karte leuchtet zwischen den Kringeln ein Stern auf, grün, am Rand der Stadt. Bob tippt darauf.

Fred. Bietet Webseiten. Sucht jemanden, der ihm Linux installiert.
Bob liest es zweimal. Linux installieren kann er im Schlaf. Darunter steht Hallo sagen:, und in einer Sprechblase wartet schon ein Satz, den niemand getippt hat: Hallo Fred, ich habe Dich auf der Gradido-Karte gefunden. Wir wohnen etwa 6 km voneinander entfernt. Magst Du Hallo zurücksagen? Alice Daneben ein Pfeil. Sein Daumen ist schon darüber, als er das letzte Wort liest. Der Gruß käme von Alice.
Bob lehnt sich zurück. „Jetzt hast Du mich drangekriegt.”
Er holt seinen Laptop mit dem Klebeband auf der Kamera. Registrieren. Die Mail, das Passwort, der Name: Bob ist noch frei. Dann die Frage, was er in den letzten Wochen Gutes getan habe. Bob liest die Sätze, alle, bis unten. Dann tippt er auf den Knopf ganz unten: Im Moment fällt mir nichts ein.
„Du hast mir letzte Woche den Drucker repariert”, sagt Alice.
„Das war für Dich.”
„Und Frau Meier war für Carla.”
Bob antwortet nicht. Er hat das Fenster schon zu. Auf der ersten Seite seines Kontos steht in einem kleinen Feld die Frage: Wer wohnt in Deiner Nähe? Er setzt sein Zuhause, ungefähr, und Alice sagt nichts dazu. Dann sucht er Fred auf der Karte, diesmal von seinem eigenen Konto aus. Der Satz in der Sprechblase steht wieder da, nur dass am Ende jetzt Bob steht. Wer er ist, steht also schon drin. Zwei Sätze tippt er dazu: was er kann, wann er Zeit hat. Zustellen wird die Nachricht die Gemeinschaft, nicht Bob, per E-Mail an Fred; Fred sieht Bobs Adresse nicht, und Bob sieht Freds nicht. Er hat das nachts gelesen, und es hat ihm gefallen.
Als er auf den Pfeil tippt, sagt Carla, die die ganze Zeit zugesehen hat: „Sonntag gehe ich zu Emma.”

„Wer ist Emma?”
„Meine Nachbarin. Fünfundsiebzig. Sie backt.” Carla steht auf, und der Plan steht schon. „Sie kann nicht mehr gut laufen und kommt kaum aus dem Haus.”
So geht’s in der Software

Was Bob am Samstag auf Alices Handy findet, steht auf der ersten Seite auch in Deinem Konto: ein kleines Feld „Zeig es Deinen Freunden”.
- Zeig den Code. Öffne Dein Gradido-Konto auf und tippe auf „Zeig es Deinen Freunden”, dann auf „Jemandem hier bei mir”. Dein Handy zeigt einen Code. Er gilt zehn Minuten, und für jeden Gast gibt es einen neuen.
- Dein Gast scannt ihn mit der Kamera seines Handys und liest: „[Dein Name] zeigt Dir Gradido”. Ein Tipp auf „Konto anlegen”, Name, E-Mail, Passwort, und das Konto ist offen. Die E-Mail bestätigt Dein Gast später, wie Carla am Abend zu Hause. Dann kommt die Frage aus Folge 1, und unter deinen ersten hundert Gradido steht „Jetzt jemandem danken”, mit Dir als Empfängerin oder Empfänger.
- Setz Dein Zuhause auf die Karte. Das Feld „Wer wohnt in Deiner Nähe?”auf Deiner ersten Seite oder das Menü “Matching” führt Dich hin: „Mich auf der Karte zeigen”, genau oder ungefähr. Ungefähr zeigt Dich im Umkreis, nie auf der Haustür. Von jetzt an findet Ihr Euch auf der Karte, und wen Du dort antippst, dem kannst Du Hallo sagen: Der Satz steht schon in der Sprechblase, der Pfeil schickt ihn ab. Die Gemeinschaft stellt ihn per E-Mail zu, Eure Adressen bleiben bei Euch.


Dein Gast sitzt nicht neben Dir? „Jemandem woanders” gibt Dir Deine Gradido-Adresse mit einem Satz dazu, zum Einfügen in eine Nachricht.
Dein Zuhause steht schon auf der Karte? Dann fragt Dich das Feld als Nächstes „Wer passt zu Dir?” und führt Dich zu Deinem ersten Eintrag. Davon erzählt Folge 4.
Für alle, die es wie Bob genau wissen wollen: Der ganze Quellcode liegt offen auf GitHub, jede Zeile.
👉 Hier gehts zu Deinem Gradido-Konto
Nächste Folge am Donnerstag, 29. Oktober: „Freegaia 3 – Emma”. Carla klingelt bei ihrer Nachbarin, und neben der Torte liegt ein iPad.
Alle Folgen auf einer Seite: Freegaia
Herzliche Grüße
Deine

Margret Baier und Bernd Hückstädt
Gradido-Gründer und Entwickler
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